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Jeder Mensch erlebt sowohl Momente des Glücks, als auch persönliche Krisen. Bei belastenden Situationen ist entscheidend, wie wir mit ihnen umgehen und was wir aus ihnen lernen können. Auch Julia Wild befand sich vor rund sieben Jahren in einer persönlichen Krise. Ihr ermutigendes Beispiel zeigt: Genaues in sich hineinhören und die richtigen Schritte einleiten kann das Abrutschen z. B. in eine depressive Phase oder chronische Erschöpfungszustände verhindern. Im zweiten Teil des Interviews teilt Julia Wild ihre Erfahrungen für den Umgang mit psychischen Erkrankungen – auch für Führungskräfte und Unternehmen.

Zum ersten Teil des Interviews geht es hier: Aus Krisen wachsen: Mutmacherin Julia Wild

Nachdem du mit therapeutischer Unterstützung deine Herausforderungen bewältigt hast: Was wäre dein erster Rat für Menschen, die in einer ähnlichen Krise stecken?

Julia: Aus meiner Erfahrung heraus ist Offenheit immer der richtige Weg. Wie viel preisgegeben wird, kann jeder für sich entscheiden. In der Regel wird einem aber sehr viel Verständnis und Unterstützung entgegengebracht. Ich habe mein Team bei Phoenix Contact ganz bewusst teilhaben lassen. Wichtig ist der offene Umgang auch, um solche Krisen zu enttabuisieren. Indem ich offen damit umgehe, können sich auch andere öffnen. Davon profitieren wir alle. Wir müssen mehr miteinander reden. Je persönlicher es wird, desto mehr können wir uns auch mit den anderen identifizieren.

Warum ist der offene Umgang mit Krisen so wichtig?

Julia: Spätestens durch Corona geht es vielen heute psychisch-emotional nicht so gut. Die meisten möchten das jedoch nicht aussprechen, weil sie meinen, dass sie sich nicht beklagen dürfen. Sie wollen ihr Umfeld nicht belasten. Dabei ist aber auch wichtig, schlechte Gefühle auszusprechen. Sonst stauen sie sich auf, finden kein Ventil und verschärfen die Situation. Wenn man früh genug auf die Signale achtet, ist die Krise vielleicht auch nicht ganz so lang und so tief.

Wie können Führungskräfte unterstützen, wenn Mitarbeitende in einer Krise das Gespräch suchen?

Julia: Zunächst rate ich, die betroffene Person ernst zu nehmen. Allgemeine Phrasen wie: „Wir haben alle Stress“, „Willkommen im Boot“ oder „Du hast wohl schlecht geschlafen“ sind unbedingt zu vermeiden. Ich bin sehr froh, dass ich so gute Erfahrungen gemacht habe und mir das so nicht passiert ist. Mir wurde sehr viel Verständnis entgegengebracht. Es ist wichtig, dass wenn eine Betroffene oder ein Betroffener das Gespräch sucht, es nur noch um sie oder ihn geht. Und nicht um die Führungskraft selbst. Auch wenn das Gespräch nicht optimal verläuft, bemerkt die betroffene Person zumindest das ehrliche Bemühen. 
Ist eine Führungskraft unsicher oder überfordert mit der Situation, sollte sie sich Unterstützung suchen. Eine Möglichkeit ist, nach vorheriger Absprache eine weitere diskrete Person dazu zu holen. Das kann eine enge Kollegin oder ein enger Kollege der betroffenen Person oder eine offizielle Instanz wie eine betriebliche Mitarbeiterberatung oder das Change-Management sein. 

Wo liegen heute die Kraftquellen deiner geistigen Gesundheit? Womit baust du Stress ab? 

Julia: Das sind zunächst soziale Ressourcen. Es ist wichtig, sich die Zeit für Verabredungen zu nehmen. Und es ist eine Kunst, eine gesunde Balance zu finden. Bin ich zu erschöpft und sage ab? Oder raffe ich mich doch auf? Selbst wenn ich vorher total kaputt war, stelle ich oft im Nachhinein fest, wie toll der Austausch doch war.
Gleichzeitig ist mir auch Zeit für mich allein wichtig geworden. Ich lese sehr gern. Und ich bin in der Natur unterwegs. Auf einer großen Runde durch den Wald mit unserem Hund denkt man oft anders über Dinge nach. Ansonsten: Wenn ich merke, dass ich gerade gestresst oder genervt bin, mache ich mir laute Musik an. Dabei erledige ich auch gern alles, was gerade so ansteht.

Was würdest du der Julia von vor sieben Jahren sagen, wenn du die Möglichkeit hättest?

Julia: Hör auf dein Bauchgefühl. Und mache nicht andere wichtiger als dich selbst oder irgendwelche Prinzipien.

Zehn Tipps für den Umgang mit Krisen

Was kann ich tun?

  • Offener Umgang: Über die eigene Lage zu sprechen hilft, solche Krisen zu enttabuisieren. Dies fördert einen toleranten Umgang mit psychischen Erkrankungen. Indem man offen mit der Situation umgeht, öffnen sich auch andere. 
     
  • Umfeld einbinden: Andere Menschen, die wir ins Vertrauen ziehen, können uns unterstützen. Außerdem können sie Ihr Befinden besser nachvollziehen. Hilfe anzunehmen kann schwerfallen, doch das Eingeständnis an die eigenen Grenzen gekommen zu sein, ist eine wichtige Selbsterkenntnis.
     
  • Gefühle annehmen und aussprechen: Erlaube den negativen Gefühlen, da zu sein. Versuche nicht, die Gefühle zu verdrängen oder zu bewerten. Sprich die schlechten Gefühle aus, sonst stauen sie sich auf. 
     
  • Sich Hilfe im Außen suchen: In manchen Fällen können psychische Krisen nicht aus eigener Kraft und in kurzer Zeit überwunden werden. Dann halten Stresssymptome über Wochen an oder kommen immer wieder hoch. Ärztliche und psychotherapeutische Unterstützung hilft, die Situation gemeinsam zu beurteilen und weitere Schritte zu gehen. 
     
  • Innere Arbeit: Eigene Verhaltensmuster und alte Glaubenssätze hinterfragen und auf den Prüfstand stellen. Es geht darum, die eigenen Gefühle, Gedanken, Muster, Werte und Bedürfnisse immer besser zu kennen und zu reflektieren.
     
  • Eine gesunde Balance finden: Tu Dinge, die dir guttun. Achte auf genügend Zeit für dich selbst und deine Hobbys. Aber auch Zeiten für soziale Ressourcen, wie Verabredungen mit Freunden und Familie sind wichtig.

Was können Führungskräfte und Mitarbeitende tun?

  • Ansprechen und Hilfe anbieten: So früh wie möglich das Gespräch mit der betroffenen Person suchen. Signalisiere die Bereitschaft zur Unterstützung.
     
  • Wertschätzend kommunizieren: Äußere deine Wahrnehmung wertschätzend gegenüber der Person. Phrasen wie „Wir haben alle Stress“, „Willkommen im Boot“ oder „Du hast wohl schlecht geschlafen“ sind unbedingt zu vermeiden. Zeige Anteilnahme und fasse Sachverhalte klar zusammen.
     
  • Ein offenes Ohr: Höre aktiv zu und nimm dir Zeit für die betroffene Person. In dem Moment, wo die Betroffene oder der Betroffene das Gespräch sucht, geht es nur noch um sie oder ihn.
     
  • Unterstützung zu Rate ziehen: Je nach Bedarf und innerbetrieblichen Vereinbarungen solltest du eine weitere Person dazu holen, sofern die eigenen Handlungsmöglichkeiten nicht ausreichen. Hol dir eine fachliche Stütze.

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