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Corona hat unsere Arbeitsweise verändert und der mobilen Arbeit einen gewaltigen Schub gegeben. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung haben im April ein Drittel aller Beschäftigten in Deutschland von zu Hause gearbeitet. Nicht jeder war direkt davon begeistert. Andreas Kehl, Unternehmensbereichsleiter Corporate Quality & Product Compliance, stand der mobilen Arbeit als Führungskraft zunächst skeptisch gegenüber. Im Interview erzählt er, wieso, und wie sich seine Meinung geändert hat.

Die Pandemie hat auch unseren Alltag als Industrieunternehmen auf den Kopf gestellt. Wir haben uns vielen neuen Herausforderungen stellen müssen. In Blogbeiträgen aus verschiedenen Unternehmensbereichen zeigen wir euch, was wir dabei gelernt haben.

Herr Kehl, Sie sind nicht nur Führungskraft bei Phoenix Contact, sondern auch Vorsitzender unserer internen „Taskforce Corona“. In dieser Funktion haben Sie im März mehr als 3.500 Kolleginnen und Kollegen in die mobile Arbeit geschickt. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Andreas Kehl: Aus Sicht der Task Force war das natürlich die einzige Möglichkeit, die Gesundheit unserer Mitarbeitenden sicherzustellen. Auf unserem Werksgelände in Blomberg arbeiten mehr als 5.000 Menschen, in ganz Deutschland mehr als 9.000. In Großraumbüros, Kantinen oder generell auf dem Gelände läuft man sich dabei ständig über den Weg. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, welchen Einfluss es auf unser Geschäft gehabt hätte, wenn sich eine Infektionskette auf unserem Gelände gebildet hätte. Dadurch, dass wir nahezu alle Mitarbeitenden aus den Büros in die mobile Arbeit geschickt haben, konnten wir die Situation auf dem Campus entlasten. Einige Kolleginnen und Kollegen, beispielsweise in Produktion und Logistik, können einfach nicht von zuhause arbeiten. Da war es wichtig, dass wir wenigstens dafür sorgen, dass diese Mitarbeitenden möglichst wenig anderen Menschen begegnen.

Und aus Sicht der Führungskraft?

Andreas Kehl: Ich war beim Thema mobiles Arbeiten immer schon sehr skeptisch. Wie kann ich sicher sein, dass meine Mitarbeitenden zuhause auch wirklich arbeiten und nicht nebenbei den Rasen mähen? Meine Lösung in der Situation lautete: Kontrolle. In Microsoft Teams schaute ich regelmäßig, ob auch alle online waren. Zusätzlich kontrollierte ich, wie viele Kundenbeschwerden schon abgearbeitet wurden. Normalerweise warte ich bei Projekten auf vorher vereinbarte Reports. Da mir das nicht genügte, forderte ich Informationen über Zwischenschritte an.

Also ganz nach dem Motto „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Wie haben die Kolleginnen und Kollegen darauf reagiert?

Andreas Kehl: „Vertrauen“ ist hier schon das richtige Stichwort. Irgendwann sprach mich ein Mitarbeiter an und fragte: Vertraust du uns nicht? Das hat mich zum Nachdenken gebracht. In unseren Unternehmensleitlinien, den Corporate Principles, reden wir von einer partnerschaftlich vertrauensvollen Unternehmenskultur. Da passte meine Einstellung gar nicht rein! Außerdem merkte ich: Anwesenheit garantiert noch keine Produktivität. Schließlich schaue ich im Büro ja auch nicht den ganzen Tag meinen Mitarbeitenden über die Schulter und kontrolliere, ob sie wirklich arbeiten.

Viel besser ist da das Führen mit Zielen. Dabei zählt, egal wie oder von wo man arbeitet, das Ergebnis der Arbeit. Ich ließ die Kontrolle also bleiben und merkte: In einigen Projekten, wo wir vor Corona noch hinterherhingen, lagen wir sogar 10 bis 15 Prozent über dem Soll!

Vom Skeptiker zum Befürworter der mobilen Arbeit – ist es wirklich so einfach?

Andreas Kehl: So pauschal kann man das nicht sagen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Anwesenheit auch Vorteile hat. Wenn die persönlichen Begegnungen fehlen, kann sich das auch negativ auf die Arbeit auswirken. Die Arbeit in Kleingruppen, der Smalltalk auf dem Gelände – Zusammenarbeit und Austausch sind wichtig und digital eben nicht dasselbe. Es gibt aber auch Aufgaben, die super von zuhause aus erledigt werden können. Der Mittelweg ist da, denke ich, die beste Lösung.

Sehen das die Mitarbeitenden und andere Führungskräfte genauso?

Andreas Kehl: Skeptiker gibt es immer und wird es auch immer geben. Aber den Rock ’n‘ Roll konnte schließlich auch niemand aufhalten.


Für Führungskräfte birgt die mobile Arbeit noch eine andere Herausforderung, denn Führen funktioniert digital anders als im direkten Kontakt. Detlef Kloke berichtet in seinem Blogbeitrag über seine Erfahrungen mit Führung aus der Ferne in Zeiten von Corona.

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