Man hat sich fast dran gewöhnt, an die Schummelei der Automobilhersteller in Sachen Verbrauch. Doch wenn es um das elektrifizierte Vorankommen geht, werden falsche Reichweitenangaben zum Problem. Ein Reichweitentest hat das bestätigt. Mehr dazu im heutigen Beitrag.

Ich habe schon viel über Nutzfahrzeuge aller Art geschrieben und das meiste davon auch bewegt. Meist Diesel, seit einigen Jahren jedoch auch immer häufiger Hybride oder reine Stromer. Meist nur auf kurzen Veranstaltungen. Daher war ich sehr erfreut, für einen Reichweitentest und Fahrbericht einen Renault Twizy in die Finger zu bekommen. Der sollte nämlich „mindestens“ 120 Kilometer schaffen, versprach ein Pressetext. Und ich hatte zu meinem damaligen Arbeitgeber eine Strecke von knapp 90 Kilometern zurückzulegen – einfache Fahrt nach Hannover. Passt doch, dachte ich und wurde prompt mit einem Testvehikel versorgt.

Das Nicht-Auto

Seit es Anfang 2011 auf dem Pariser Festival Automobile International vorgestellt wurde, ist das stromernde Mobil-Ei ein Hingucker. Denn seit den seligen Zeiten von Ente und R4 weiß man, dass die Franzosen aus dem Verzicht einen Kult machen können und das Fehlen sämtlicher Komfortmerkmale zum Stilmittel erheben.

Innenraum eines Renaut Twizy

Der Twizy führt diese Tradition fort wie kein Automobil vor ihm. Keine Türen, keine Heizung, kein Kofferraum. Naja, oder zumindest nur Rudimente. Der Stuhl erinnert an eine Sitzschale im Stadion, gesessen wird sowieso hintereinander. Das Anzeigeinstrument ähnelt einem Fahrradtacho. Und wer Musik hören möchte, sollte auf seinem Smartphone die passende App und einen tragbaren Lautsprecher parat haben. Immerhin: Freisprechen kann man, der Twizy verbindet sich via Bluetooth mit dem Handy. Aber ich will ja auch keinen Diskodampfer testen, sondern die Reichweite des E-Gefährts.

HWD – Ham wa doch

Wie üblich bei Elektrovehikeln wird der kleine Stromer von einem Autotransporter in die Redaktion gebracht. Renault hat seinen Deutschlandsitz in Brühl, die Strecke wäre zu weit. Doch gleich bei der Schlüsselübergabe ein erster Blick auf die Tachoanzeige und ungläubiges Staunen: Reichweite 61 km. Wie bitte? „Ey, Meister, warum liefert ihr die Teile nicht voll aufgeladen aus?“ „Ham wa doch,“ schallt es zurück. Okay, da kann ja wohl nur die Anzeige defekt sein. Aber lieber noch einmal hoch ins Büro und checken, wo ich notfalls den Stecker ziehen kann. Der sitzt nämlich an einem Spiralkabel vorn im Bug und nuckelt seine Energie aus jeder 220-V-Steckdose. Wir reden bei dem Twizy natürlich nicht von HPC!

Tacho eines Renaul Twizy

Die reguläre Fahrzeit der rund 90 Kilometer quer durch Hannover und dann über gut und weniger gut ausgebaute Landstraßen beträgt gute anderthalb Stunden. Die Sonne scheint, die Temperaturen bewegen sich sanft über 20 Grad. Ideal, um etwas früher Feierabend zu machen, der Rush Hour in der niedersächsischen Metropole zu entgehen und gen Heimat durchs schöne Weserbergland zu zuckeln.

Seitenansicht eines Renault Twizy

Die Autobahn vergesse ich mal, bei einer Höchstgeschwindigkeit von knapp über 80 km/h. Lautlos setzt sich der rasant gestylte Renault in Bewegung, stets begleitet von immer noch staunenden Blicken. Kein Wunder, schon die Lambo-stylig nach oben schwenkenden Türen sind die reine Show. Bei dem Wetter scheint die Sonne heftig durch das optionale Sonnendach. Cabriofeeling ohne Abgasqualm – herrlich. Nur der Blick auf die Reichweitenanzeige im spartanischen Cockpit irritiert.

Hochgeschwindigkeitsparken

Diese Irritation wird deutlich intensiver. Schon am Stadtrand von Hannover, also kaum zehn Kilometer nach Start, sind es noch 51 Kilometer, die angezeigt werden. Der Countdown bis zum Stillstand scheint also zu stimmen. Aber die Grundvoraussetzung, die vollgeladene 120-Kilometer-Batterie, nicht. Vielleicht nuckelt der Stromer aber auch besonders im Stadtverkehr – das tut mein Jeep mit dickem Diesel schließlich auch. Allerdings ist der deutlich über 2100 kg schwer, während der französische Floh davon nur 487 auf die Waage bringt.

Ab dem Dörflein Springe reduziere ich die Geschwindigkeit, trödele mit nur noch 70 km/h über die doppelspurige Landstraße. Laster ziehen unwillig auf die Überholspur und donnern vorbei. Locker bleiben, es ist doch Sommer! Aber ein wenig mulmig wird mir schon, trotz Sicherheitszelle, die mich angeblich umgibt. Der sorgenvolle Blick abwechselnd auf Batterieanzeige und Google Maps stresst. Hoffentlich schaffe ich es überhaupt bis Hameln. Da habe ich nämlich einen Lade-Stopp ausfindig gemacht, eine E-Tankstelle direkt an den dortigen Stadtwerken.

40 Kilometer weiter: Uff, geschafft! Die Sonne scheint, die Ladestation wird umgehend vom freundlichen Pförtner freigeschaltet, die Energie spendieren hier die Stadtwerke umsonst. Weniger als zehn Kilometer Rest-Reichweite prophezeite die digitale Anzeige. Doch alles gut, denn nach Ansage von Renault sollte schon ein zwanzigminütiger Stopp reichen, um der Batterie wieder ein reichliches Energiepolster zuzuführen.

Smalltalk an der Ladesäule

Aufladen eines Renault Twizzy

Ganz voll wird sie übrigens nach rund dreieinhalb Stunden. Aber der französische E-Floh ist ja auch eher eine rollende Einkaufstüte für den Nahverkehr denn ein Überland-Fernvehikel. Während der Wartezeit noch schnell ein Plausch mit einer zufällig vorbeikommenden Stadtpolitikerin, die sich ganz begeistert vom Experiment zeigt. Nach zwanzig Minuten, mein Handy geht allmählich auch in den Reservestatus und die Sonne wird ganz schön warm, der Blick auf die Ladeanzeige. Doch der enttäuscht. Schlappe 15 Kilometer Reichweite werden versprochen. Seufz, dann noch etwas warten. Nach weiteren 20 Minuten reißt mir der Geduldsfaden. Meine Strecke beträgt noch 24 Kilometer. Die Anzeige verkündet 28 Kilometer Reichweite. Das klappt schon.

Laden der Batterie eines Renault Twizy

Oder? Schon hinter der malerischen Rattenfängerstadt mit ihrer sympathischen E-Tankstelle rutscht die Anzeige unter die noch zurückzulegende Kilometerzahl. Bereits zehn Kilometer weiter ist klar: Das wird nix. Und ein Liegenbleiben mit einem E-Mobil bedeutet, dass ein Abschleppen am Haken allein nicht reicht, denn wenn die angetriebene Achse mitläuft, dann wird Strom erzeugt. Doch das ist beim kleinen Renault nicht vorgesehen, beschädigt unter Umständen Bordelektronik und Batterie. Um den E-Motor samt Batterie nicht zu zerstören, muss solch ein Im-Mobil dann aufgeladen werden. Und zwar statt an einer Steckdose auf einen Abschleppwagen. Selbst kurz vor der eigenen Hütte wäre ein Liegenbleiben also der mobile Gau. Wer hat schon einen Autotransporter im eigenen Fuhrpark?

Analoge Vernetzung

Wie gut, dass der Schreiber dieser Zeilen als Trainer im Sportverein seiner Gemeinde gut vernetzt ist. Telefonakku hat noch minimale Kapazität, die Außenwelt ist noch erreichbar. Noch sieben Kilometer, ein Anruf, schon darf ich den Twizy kurz an eine Steckdose anschließen und mich zu Klönschnack und Kaffee selber einladen. Eine halbe Stunde später habe ich einen Koffeinflash und zwei Stücke Kuchen intus, der Renault verspricht satte 14 Kilometer Reichweite und die Heimat naht.

Nach mittlerweile schlappen vier Stunden habe ich die Distanz von 90 Kilometern endlich geschafft. Die Flüche, mit denen ich diesen Artikel garnieren wollte, sind mittlerweile verraucht. Ich habe später noch etliche Kurzstrecken und Landstraßentouren mit dem Renault Twizy genossen, denn fahren tut der spartanische Floh mit seinen 18 PS tatsächlich super.

Tolle Straßenlage, absolut ausreichender Durchzug, unkompliziertes Laden. Das Fehlen von all dem, was moderne Autos als so unverzichtbar kundtun, hebt sich angenehm ab vom vollgestopften automobilen Einerlei. Und hat man ein vollgeladenes Smartphone und einen Bluetooth-Lautsprecher dabei, dann ist sogar Musik hören möglich. Ein tolles Nahverkehrs-Mobil mit hohem Spaßfaktor. Aber abholen musste Renault das Ding dann vor meiner Haustür, denn der Weg zurück ins Büro im 90 km entfernten Hannover schien mir nicht kalkulierbar. Denn da kann ich mich nirgendwo mal flott auf ’nen Kaffee einladen …
Folgerichtig nahm ich am nächsten Tag die Bahn (auch mehr als drei Stunden Fahrzeit!), tätschelte die dieselverdeckende Motorhaube meines Jeep auf dem Redaktionsparkplatz und musste feststellen, dass sich mit solch einem Reichweiten-Märchen die E-Mobilität schwer tun wird.

Nachtrag

Größenvergleich zwischen einem Jeep und einem Renault Twizy

Mittlerweile verspricht Renault für den Twizy nur noch eine maximale Reichweite von 100 Kilometern und auf „hügeligen Landstraßen“ gar nur noch 50. Das wiederum ist vorbildlich, da sehr realistisch.

Mein Schreibtisch steht mittlerweile in Blomberg, sprich nur rund 25 Kilometer entfernt vom Wohnort. Und mein Arbeitgeber ist federführend, wenn es um Ladetechnologie bei E-Fahrzeugen geht. Vielleicht werden das E und ich ja doch noch Freunde …

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4 comments

  1. Lutz Odewald

    Hallo Frau Peters, vielen Dank, so sollte der Artikel auch ankommen! Jetzt fehlt nur noch die eigene Testfahrt in einem Twizy! 🙂

  2. Lutz Odewald

    Hallo Stefan, stimmt genau. Für Kurzstreckenpendler ist er ideal, auch wenn er aufgrund seiner Zulassung als Leichtkraftwagen keine extra steuerliche Förderung bekommen kann. Der Test sollte eher veranschaulichen, dass das Thema Reichweite bei der Elektromobilität noch heikler ist als beim normalen Verbrenner.

  3. Der Renault Twizy gilt eben nicht als richtiges Auto. Aber 100km sind bei heutigen E-Autos schon der Mideststandard und diese reichen in der Region um Blomberg herum für 99% der Bevölkerung am Tag aus.

  4. Ute Peters

    toll geschrieben!
    Ich hatte beim Lesen das Gefühl auf dem „Rücksitz“ zu sitzen und Sie bei schönstem Sommerwetter auf der Tour durchs Weser-Bergland zu begleiten 😉

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